Zu Anfang meiner Freiberuflichkeit war ich auf einem Netzwerktreffen. Es gab Vorträge, und einer davon war richtig gut. Ich saß da und dachte: Wow, wenn du davon nur einen ganz kleinen Teil umsetzt, geht dein Business durch die Decke. Ich habe Notizen gemacht, Seite um Seite. Und ich bin völlig beflügelt aus diesem Termin gekommen.
Zu Hause war es spät. Mit den Notizen habe ich an dem Abend nichts mehr gemacht. Am nächsten Tag waren Projekte dran, das Notizbuch lag einfach da.
Irgendwann habe ich neue Notizen dazugeschrieben, weil wieder etwas anderes zu tun war. Später legte ich etwas obendrauf. Und die ganze Zeit hatte ich ein schlechtes Gewissen: Dieses Wissen war so wertvoll, da musste ich doch unbedingt noch was mit machen.
Nach zwei, drei Wochen war es vorbei. Ich wusste nicht mehr, was der Mann gesagt hatte. Ich hätte teilweise nicht mal mehr meine eigene Schrift lesen können. Und das Hochgefühl, dieses „Das muss ich tun“, war weg.
Einige Jahre später saß ich wieder auf so einem Event. Ich war noch immer überzeugt, dass ich dort wertvolles und vor allem umsetzbares Wissen mitnehmen würde. Vorne stand jemand auf der Bühne, und ich dachte wieder: Wow, wenn du davon nur einen kleinen Teil umsetzt, geht dein Business durch die Decke. Ich habe mitgeschrieben.
Es hat ein paar Minuten gedauert, bis mir klar wurde: Das ist mir nicht neu. Es kam mir sogar sehr bekannt vor. Nach fast zehn Minuten wusste ich es. Das war genau der Mensch mit genau dem Vortrag, den ich Jahre vorher schon gehört hatte. Und von dem ich damals gesagt hatte: Das muss ich umsetzen. Und es war verpufft.
Ich fand das nicht lustig. Ich habe mich wahnsinnig geärgert, vor allem über mich selbst. Über die Zeit und die Energie, die ich da rausgeworfen hatte.
Das war der Wendepunkt. Denn mir wurde klar, dass das nicht nur diese beiden Vorträge betraf. Ich habe dauernd irgendwelche Dinge gehört, gelesen und gesehen, die nie richtig bei mir angekommen sind. Wie viel das insgesamt war, weiß ich nicht. Wahrscheinlich eine ganze Menge. Das hat mich geärgert, und ich habe mich auf die Suche gemacht.
Mir wurde klar, dass es für mich nicht funktionierte, Wissen aus einem solchen Vortrag, einem Buch, einem Artikel, einfach aufzunehmen und umzusetzen. Und warum das für mich nicht funktionierte. Besonders aber, dass ich damit nicht allein war.
Viele von uns machen es auf die gleiche Weise: Wir öffnen unser Notizbuch und zücken einen Stift, schreiben auf, was uns wichtig ist, markieren Textstellen und tun alles, damit sich eine Information abhebt. Doch der Ansatz ist falsch: Es geht nicht darum, das aufgenommene Wissen besonders sichtbar zu machen, sondern es nicht wieder ertrinken zu lassen.
Allerdings passiert genau das immer wieder. Die Probleme, die dazu führen, sind vielfältig. Ich will hier nur ein paar der wichtigsten nennen:
- Zeit-Lücke: Wir nehmen Wissen auf, wenn es verfügbar ist, z.B. wenn wir gerade in einem Vortrag sitzen oder ein spannender Artikel in einem Magazin erscheint. Und oft ist es so wertvoll, dass wir es auf ein Post-It schreiben und an unseren Bildschirm heften wollen, denn zu diesem Zeitpunkt brauchen wir das Wissen aber oft gar nicht. Manchmal brauchen wir es erst Jahre später. Und bis dahin müssten wir das Post-It immer behalten.
- Perlenkettenproblem: Wir nehmen Wissen auf, das jemand anders für uns kuratiert hat. Wir folgen also seinen Gedanken und dem, was er uns mitteilen möchte. So sieht abgucken aus, aber nicht Lernen. Hier ist kein Platz für eigene Ideen, Gedanken, die weiterentwickelt werden könnten oder Fragen, die man recherchieren könnte.
- Siloproblem: In unserem Notizbuch steht ganz oben auf der Seite der Titel des Buches, das wir gerade lesen, oder der des Vortrags, dem wir gerade zuhören. Wird Wissen in solche Silos eingesperrt, ist es für die Zukunft nicht mehr nutzbar. Wir müssten uns immer wieder daran erinnern, wo oder wann wir eine Information bekommen haben. Nur so kann Wissen lebendig bleiben, sich mit anderem zusammentun.
- Competence Illusion: Wir lesen etwas und sind überzeugt, dass wir es verstanden haben. In unserem Kopf entsteht ein trügerisches Verständnis. Denn unser Gehirn hat die Lücken, wie sie in jeder Lernaufgabe sind, schnellstmöglich zu schließen. Wenn wir es nun mit eigenen Worten wiedergeben müssten, würde das nicht funktionieren.
Auf meiner Suche nach der für mich besten Lösung habe ich Umwege gemacht, z.B. habe ich dies ausprobiert:
Doch immer wieder stand ich vor den gleichen Problemen und konnte nie lange und vor allem über die Menge an Inhalten den Überblick behalten.
Dann habe ich einen Ausschnitt aus einem Interview mit Niklas Luhmann gelesen. Er sagte sinngemäß, dass er seine Bücher nicht selbst geschrieben habe, sondern dass sein Zettelkasten das für ihn übernommen habe. Er war unglaublich produktiv, Hunderte Artikel, dutzende Bücher. Das hat mich so fasziniert, dass ich mir das genauer anschauen wollte.
Angefangen habe ich mit Notion und Evernote. Beides habe ich wieder verworfen. Die Struktur war mir zu starr, zu hierarchisch. Ich konnte mich nicht aus dieser Ordner-Denke befreien. Wir bauen Silos für Wissen, und genau das passiert dort auch. Ohne Ordner finde ich nichts wieder, und das Verlinken war mir damals zu umständlich. Vielleicht ist das heute anders.
Dazu kam ein Umzug zwischen zwei Systemen. Ich bekam meine Daten kaum wieder heraus.
Eigenes Format, schwierig zu exportieren, einfach nur umständlich und ärgerlich. Da war mir klar: Ich will nicht von einer Plattform abhängig sein. Mein Wissen soll bei mir liegen.
Gelandet bin ich bei Obsidian, und dort bin ich jetzt seit einigen Jahren und ziemlich glücklich. Das Verlinken ist sehr einfach. Die lokale Speicherung war für mich ein absolutes Must-have. Ich bin nicht auf die Plattform angewiesen, das Wissen liegt bei mir.
Leicht war der Anfang nicht. Ich habe mit Atomic Notes angefangen, also kleinen, atomaren Notizen für Wissen. Das Prinzip konnte ich dann schnell auf andere Dinge übertragen, auf Projekte, auf Kontakte. Die Struktur habe ich mehrfach umgebaut, bis sie wirklich zu mir passte.
Allein zu verstehen, was eine Atomic Note überhaupt ist und warum meine nicht gut war, war zäh. Das erste Vierteljahr war anstrengend, und ich war nicht sicher, ob sich das alles lohnt.
Dann kam der Moment, in dem ich etwas Neues mit etwas verknüpfen konnte, das schon da war. Ich habe über die Stichwortsuche etwas gefunden, das ich irgendwo in einem Buch gelesen hatte, und konnte es mit dem verbinden, was ich gerade in einem Artikel gelesen hatte.
Dadurch habe ich eine Lücke entdeckt, die mir vorher nicht bewusst war. Es tat sich eine Frage auf, die ich vorher noch nie gesehen hatte und zu der ich dann ziemlich schnell einen Fachartikel für ein Magazin schreiben konnte. Das wäre vorher nicht möglich gewesen. Ich hatte die Wissenssilos gesprengt.