Heute Nachmittag sitze ich am Küchentisch, der Laptop ist aufgeklappt, ich will etwas schreiben. Dazu möchte ich ein Bonbon lutschen. Also wickle ich es aus.

Und dann fällt es mir aus der Hand.

Das Bild war da, bevor das Bonbon den Tisch berührt hatte.

Das Bonbon fällt aus vielleicht 20 bis 25 Zentimetern Höhe. Ein Fall, der knapp eine Viertelsekunde dauert. In dieser Zeit sehe ich es vor meinem inneren Auge schon auf dem Boden liegen, mit einem Fussel dran.

Dazu kommt der Impuls: Fang es auf, sonst ist es weg!

Es stand nichts Ernstes auf dem Spiel. Trotzdem war da Angst. Ein kleines bisschen, aber sie war da, und sie war da, bevor ich irgendetwas entschieden hatte.

Wie schnell das geht

Ich wollte wissen, wie schnell so etwas wirklich ist. Bei einem Versuch mit Epilepsiepatienten konnten Forschende direkt in der Amygdala messen, also in dem Bereich im Gehirn, der bei Angst eine zentrale Rolle spielt. Sie reagierte auf angstvolle Gesichter nach etwa 74 Millisekunden. Das ist weniger als eine Zehntelsekunde. Bewusst nehmen wir etwas viel später wahr.

Anders gesagt: Wenn ich merke, dass ich Angst habe, ist die Reaktion längst gelaufen. Ich kann nicht dabei zusehen, wie sie entsteht. Ich sehe nur das Ergebnis.

Und was hat das mit Change zu tun?

Ich arbeite seit Jahren in Change-Projekten. Dort kommunizieren wir ständig: Mails, Meetings, Formate, Formulierungen. Und bei jedem dieser Dinge kann eine Reaktion ausgelöst werden, die so schnell da ist, dass niemand sie bewusst steuern kann. Weder die Empfänger noch wir.

Das heißt für mich: Das Unbewusste verdient genauso viel Aufmerksamkeit wie das, was wir bewusst planen.

Gerade die Dinge, die wir gern liegen lassen, weil sie ja irgendwie schon passen. "Das Format ist schon in Ordnung." "Das geht so." Genau dort entstehen Angst, Abneigung oder andere Emotionen, lange bevor jemand darüber nachdenkt, ob die Kommunikation gut gemeint war.

Das Gegenstück: soziales Grunzen

Es gibt auch die gute Seite davon. Jennifer Düngfelder, eine Kollegin aus dem Learning Circle zu psychologischer Sicherheit (mehr dazu im Beitrag über den LernOS Zirkel), hat von sozialem Grunzen erzählt. Ich finde den Begriff großartig.

Gemeint ist das, was wir in Gesprächen ständig tun: zustimmend nicken und zustimmende Geräusche machen. Mmh. Ja. Mmh, mmh. In Live-Meetings haben wir dafür die ganze Körpersprache. In Online-Meetings sieht man nur den Ausschnitt, das Porträt, da trägt das Nicken und das Brummen noch mehr.

Wenn das jemand in der Gruppe immer mal wieder macht, bekommt die sprechende Person eine Antwort auf eine Frage, die sie gar nicht laut stellt: Bin ich mit dem, was ich gerade sage, richtig? Ist die Richtung gut?

Es muss aber gehalten werden. Nicht zustimmend grunzen und hinterher sagen, das war alles Mist. Sondern das Gesagte aufnehmen und sagen, ich sehe das in dieselbe Richtung, nur an einer Stelle muss ich noch abzweigen und eine Frage stellen. Dann ist die Ergänzung kein Angriff, und genau das sorgt für psychologische Sicherheit.

Warum ich das erzähle

Mir geht es in meiner Arbeit viel um Ownership. Deshalb sind mir solche kleinen Geschichten wie die mit dem Bonbon wichtig. Sie zeigen, wie viel in uns passiert, bevor wir überhaupt etwas entscheiden können.

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, melde dich gern bei mir.


Quelle: Direct Evidence of Ultra Fast Response to Fear in the Human Amygdala (Neuroscience News, zur Studie in Nature Neuroscience, 2016)