Sie konnten rennen und toben, auf einem kleinen Spielplatz nebenan schaukeln und klettern und sich aus einem kleinen Waldstück Wanderstöcke suchen. Und natürlich konnten sie Werwolf spielen.
Als sie sich nach einer Runde durch den Wald schnaufend auf die Bänke schmissen und um Würstchen baten, sagte eins der Kinder "Am Feuer ist man immer safe." Alle anderen nickten zustimmend und schauten sinnierend ins Feuer.
Spannend, denn vermutlich war keines der Kinder schon einmal so der Wildnis ausgesetzt, dass es sich nur an einem Feuer sicher gefühlt hat. Grund genug, sich mal anzusehen, wo das herkommt. Und dabei habe ich was Spannendes entdeckt.
Vier von diesen fünf Aufgaben waren mir absolut klar und auch die fünfte schon im Ansatz, aber noch nicht in der Tiefe.
Mit dem Feuer wurde der Tag länger. Wo sonst mit der Dunkelheit Schluss gewesen wäre, gab es jetzt Stunden, in denen man beisammensaß. Und hier wird es für mich auch als Change-Storytellerin am interessantesten.
Die Anthropologin Polly Wiessner hat bei den Ju/’hoansi im Nordwesten Botswanas untersucht, worüber Menschen tagsüber sprechen und worüber abends am Feuer. Die Unterschiede sind deutlich.
Tagsüber drehten sich die Gespräche vor allem um Klagen, Kritik und Klatsch (34 Prozent) und um wirtschaftliche Themen wie die Jagd (31 Prozent). Geschichten machten nur 6 Prozent aus. Abends am Feuer waren es 81 Prozent.
Wiessner schließt daraus, dass diese Geschichten Werte und Regeln lebendig halten, zum Beispiel das Teilen von Nahrung in Notzeiten. Sie fördern außerdem die Vorstellungskraft: Wer Geschichten hört, kann sich Menschen und Orte vorstellen, die weit weg sind.
Tagsüber hat das Klagen und Kritisieren einen Zweck: Normen durchsetzen, Eifersucht abbauen, Streit klären. Wiessner versteht Kritik als Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt zusammenleben können. Wurde ein Streit nicht geklärt, zogen Menschen weiter.
Abends ist es anders. Erzählt wird von Frauen und Männern, meist über Menschen, die alle kennen. Es gibt keine Helden, die gefeiert werden, und keine erhobenen Zeigefinger. Ein Beispiel aus der Studie: Ein aktueller Ehekonflikt wurde tagsüber besprochen, abends erzählte man von früheren Ehen.
Wiessner sagt, diese Geschichten fördern Mitgefühl, Vertrauen, Verständnis, Geselligkeit und Humor. Sie vermutet außerdem, dass das Erzählen die Fähigkeit stärkt, sich in andere hineinzuversetzen und zu erkennen, wie sie denken.
Ich habe mich ja spätestens für mein Buch viel mit Storytelling beschäftigt, mit der Herkunft, den Hintergründen und Techniken, aber diesen Tag-Abend-Unterschied muss ich mir noch einmal genauer ansehen.