Immer mehr Unternehmen gehen dazu über, ihren Führungskräften das Coaching einzelner Mitarbeiter zu übertragen und sie sogar in Coachingmethoden ausbilden zu lassen. Unternehmen wie SAP oder Merck verfügen über einen unglaublichen Pool von Coaches aus den eigenen Reihen, in die niemals ein externer Coach Einzug halten wird. Ich finde das wunderbar. Auch wenn ein Coach nicht zwingend Branchen- oder gar Unternehmenskenntnisse braucht, um seinen Coachee weiter zu bringen, ist das manchmal schon von Vorteil. Der Coachee muss nicht alles erklären, weil der Coach die Unternehmensstruktur schon kennt. Besonders wenn darin nicht das Coachinganliegen versteckt ist, kann das Zeit und Missverständnisse sparen.

Aber natürlich hat diese Medaille, wie so viele auch, zwei Seiten. Und die negative Seite, so spiegelte es mir ein Großteil der coachenden Führungskräfte wider, lässt sich mit einem einzigen Wortbeschreiben: Stille.

Was hat Coaching mit Stille zu tun?

„Herr Seifert, Sie sagen, dass Sie vor Feedbackgesprächen mit Ihren Mitarbeitern selbst immer sehr nervös sind. Was könnte Ihnen helfen, damit das nicht mehr so ist?… Übung vielleicht?“

In einem guten Coaching, also keiner Beratung und keinem Training, passiert der größte Teil der Arbeit im Kopf des Klienten. Der Coach stellt Fragen und gibt Hinweise, die dem Coachee ‚Denkfutter‘ bieten, die ihn also genauer über einen Sachverhalt nachdenken lassen, als er es bisher getan hat. Genau das ist essentiell für den Erfolg eines Coachings, denn so kommt es auf die Weiterentwicklung des Coachees in Gang. Doch die findet nicht oder nur eingeschränkt statt, wenn der Coach seinem Klienten die Denkarbeit abnimmt.

Gerade in einem Coaching ist es nötig, dass ein Problem erst einmal gedanklich herumgewälzt und im Kopf von einer Seite zur nächsten geschoben wird. Der Coachee muss also genau über die Frage und mögliche Antworten nachdenken, Für und Wider gegeneinander abwiegen und vielleicht auch überrascht neue Gedanken selbst entdecken. Das braucht natürlich Zeit.

In dem kurzen Satz weiter oben sehen Sie es sicher selbst: der Coach liefert eine mögliche Antwort, die für ihn selbst schlüssig ist. Jedoch muss das für den Coachee noch längst nicht so sein. Das Ganze wird nur noch verstärkt, wenn der Coach sogar die Abteilungen, Kollegen und Mitarbeiter gut kennt. In den meisten Fällen ist er dann versucht, nicht nur mit Impulsen, sondern handfesten Ratschlägen zu ‚coachen‘.

„Mit dem Herrn Günther können Sie am besten ganz sachlich reden, er ist ja nicht so der emotionale Typ.“

Warum ist Stille so gefährlich?

Klare Antwort: Ist sie gar nicht! Die Stille, gerade in einem Coachingprozess, ist alles andere als gefährlich. In dieser stillen Zeit denkt nämlich der Coachee so angestrengt über eine Frage oder einen Denkanstoß nach, dass ein weiteres Gespräch in diesem Moment für ihn nicht möglich ist. Ganz im Gegenteil: Wenn Sie als Coach Ihrem Coachee eine Frage gestellt haben, die in so sehr in Anspruch nimmt, haben sie einen ganz wertvollen Schritt geschafft. Der Coachee geht gedanklich neue Wege, lernt neue Lösungsmöglichkeiten kennen, entwickelt sich weiter.

Stille macht uns jedoch unsicher. Wir sind es gewohnt, dass sich in einem Gespräch Fragen und Antworten, Argumente und Gegenargumente, also Aktionen und Reaktionen recht schnell abwechseln. Es gibt kaum nennenswerte Pausen, manchmal fallen wir uns sogar gegenseitig ins Wort. Solange ein Gespräch ein stetiges Hin und Her ist, fühlen wir uns wohl und meist auch nicht dafür verantwortlich, es aufrecht zu erhalten – es läuft einfach. Wenn wir aber eine Frage stellen, und unser Gegenüber nicht gleich darauf antwortet, fangen wir schnell an, uns unwohl zu fühlen. Das fängt an bei einfacher Verwunderung, wächst zu Unwohlsein und kann in der Panik enden, diese lange Pause unbedingt beenden zu müssen. Selbst eine Antwort auf die eigens gestellte Frage zu kennen und zu nennen, erscheint dann als die einzige Rettung. Der Gedanke, dass der Coachee die einzig wahre Antwort nicht kennen, ist einfach zu schnell präsent. Ganz abgesehen davon, dass es die einzig wahre Antwort sowieso nicht gibt, hat er in diesem Moment wirklich keine Antwort parat, sonst würde er sie vermutlich nennen.

Übrigens wird Ihr Coachee die Stille längst nicht als so unangenehm empfinden wie sie selbst. Er ist in dieser Zeit ja beschäftigt. Studien zeigen, dass Coach und Coachee die stillen Passagen in einem Coaching unterschiedlich lang empfinden. Beide wurden nach einem Coaching, in dem keine Uhr zur Verfügung stand, nach ihrer Einschätzung gefragt, wie lang stille Zeiträume waren. Oft empfand der Coach den Zeitraum dreimal so lang wie sein Coachee. In den meisten Fällen tippte der Coach auch auf doppelt so viele Minuten, als wirklich vergangen waren.

Wahrscheinlich ist Ihr Coachee Ihnen sogar dankbar, wenn Sie ihm die Zeit und den Freiraum lassen, damit er selbst auf eine Lösung kommen kann.

Und jetzt?

Was Führungskräfte, die Mitarbeiter in ihrem Unternehmen coachen wollen, aushalten müssen, ist also demnach nicht die Stille. Es ist die Unsicherheit, die hinter der Stille steckt.

Vielen Führungskräften, mit denen ich über dieses Problem gesprochen habe, hat es geholfen, der Stille einen neuen Vornamen zu geben. So wurde aus einer ‚bedrückenden Stille‘ eine ‚produktive Stille‘ oder eine ‚nachdenkliche Stille‘. Wichtig war für sie, dass in diesem Zeitraum wirklich etwas passierte. Sahen sie ihrem Coachee schon an, dass er angestrengt grübelte, war es eine ‚nachdenkliche Stille‘, sah er sie mit großen Augen an und konnte offensichtlich kaum glaube, was gerade in seinem eigenen Kopf vorging, war es eine ‚überraschte Stille‘.

Überlegen Sie doch einmal, welche stillen Situationen Ihnen schon begegnet sind, wie Sie sie spontan bezeichnen und wie Sie sie stattdessen bezeichnen können.

Sehen Sie diesen Weg auch als eine eigene Entwicklung in Ihrer Professionalität als interner Coach und gehen Sie nicht zu hart mit sich ins Gericht. Es ist nicht einfach, die Unsicherheit durch Stille aushalten zu lernen. Legen Sie sich vielleicht auch einen Notfallplan zurecht. Wenn Sie in einem Coaching sind und gar nicht mehr anders können, sagen Sie Ihrem Coachee, in welcher Zwickmühle Sie sich befinden. Allein das kann Ihnen schon helfen, Ihrem Coachee noch ein wenig mehr wertvoller Denkzeit zu ermöglichen.

Und wenn alles nicht mehr hilft, die Unsicherheit zu groß wird und Sie gar nicht mehr anders können: Verlassen Sie die Situation. Gehen Sie zum Fenster und sehen hinaus oder gehen Sie ein paar Minuten aus dem Zimmer. Glauben Sie mir, sobald Sie sich diese Möglichkeit nur erlauben, werden Sie sie wahrscheinlich nie in Anspruch nehmen müssen.

Aber um genau beim Thema zu bleiben, stelle ich Ihnen eine Frage: Was müsste passieren, damit Sie persönlich mit Stille im Coaching besser umgehen können?